Vater

Vater!

Vater, weißt du eigentlich was du mir angetan hast?

Weißt du eigentlich, dass du an meiner kaputten Ehe schuld bist? Ich weiß, das kannst du nicht glauben, aber genau so ist es. Du hast versucht mich auf meine Rolle als Ehefrau vorzubereiten. Jahrelange Bemühungen deinerseits waren aber leider vergeblich. Umsonst die vielen Stunden, in denen du immer und immer wieder mit mir geübt hast. Was hast du mir nicht alles beibringen wollen. Die Zärtlichkeiten und Stellungen, die Erklärungen:

Du musst das so und so tun, damit er glücklich ist, so musst du dich verhalten. Immer auf den Mann hören."- So wie ich immer auf dich zu hören hatte. Widerspruch duldetest du nicht. Wenn doch mal ein Nein kam, dann wusstest du genau wie du mich zum Schweigen bringst. Deine Hand war stark, dein Zorn unbarmherzig.

Mutter hatte keine Ahnung von der besonderen Zuwendung die deine Tochter erfuhr. Sie war ja sowieso nie da, und wenn doch, dann hatte sie keine Zeit, Kopfschmerzen oder sonstige Gründe die sie davon abhielten, genauer hinzusehen. Und ich, deine älteste Tochter, gerade 14 Jahre alt, am Anfang ihrer Entwicklung zur Frau, war ein so liebes Dummchen, leicht zu beeinflussen, ohne Selbstvertrauen, ohne vertraute Bindung zur Mutter.

 

Ja, du hattest es nicht leicht, du armer Ehemann. Deine Frau wollte im Bett nichts mehr von dir wissen und du hattest doch noch so viel Lust. Also wohin damit?

Du konntest ja nicht einfach sagen, ich will mit dir schlafen, weil Mutti nicht mehr will und ich halte dich für alt genug, es mit mir zu tun. Also verstecktest du deine schmutzigen Absichten hinter den guten Taten eines Vaters, der selbstverständlich die Aufgabe hat, sein Kind ins Erwachsenwerden zu geleiten. Auf die Idee, dass ich irgendwann meinen Körper und meine Sexualität selbst entdecken möchte und ich mich normal entwickeln möchte, kamst du nicht.

Weißt du was du mir mit diesen ekelhaften Dingen angetan hast?

Ich habe meinen Körper gehasst. Ich wollte sterben. Ich habe mich ungeliebt gefühlt auch wenn du mir täglich gesagt hast, dass ich etwas Besonderes bin und du mich liebst. Ich fühlte mich inmitten Gleichaltriger ausgegrenzt. Ich habe immer den Klassenclown gespielt um von meiner Traurigkeit und Andersartigkeit abzulenken.

Mit 17 Jahren lernte ich meinen Mann kennen. Ich habe in ihm meine Chance gesehen, von dir wegzukommen. Ich dachte, wenn ich einen festen Freund hätte, dann würdest du mich in Ruhe lassen. Ich gab mir soviel Mühe es richtig zu machen. Doch an Sex war nicht zu denken. Ich war zu verkrampft. Es ging nichts. Es hat viele Monate gedauert, bis ich bereit dazu war. Aber ein erfülltes Sexualleben hatte ich nie.

Weißt du warum ich geheiratet habe? Nicht aus Liebe.

Du weißt ja noch wie das zu DDR Zeiten war. Eine Wohnung ohne verheiratet zu sein, war nicht zu bekommen. Und ihr wolltet in eine andere Stadt ziehen. Ich hätte mit euch ziehen müssen, und wäre dir weiterhin ausgeliefert gewesen. Ich musste heiraten. Es blieb mir keine andere Wahl. Hätte ich damals nur geahnt, dass du dich an meine kleine Schwester ranmachst, ich hätte dich erschlagen, dich vergiftet, dich getötet.

Weißt du wie es ist, diese scheußlichen Dinge 20 Jahre in sich zu tragen und niemandem davon erzählen zu können. Ich war ja froh, dass alles "vorbei" war.

Kannst du dir meine Qualen und Albträume vorstellen, die mich die ganzen Jahre verfolgten?

Weißt du wann ich anfing über diese Dinge nachzudenken?

Als meine Kinder größer wurden und ich sie in deiner Nähe gesehen habe, als ich endlich mit meiner Schwester darüber reden konnte und ich so scheißwütend auf dich und mich war, dass sie es auch ertragen musste. Als ich sah, dass du keinen Schimmer hattest, wie es mir dabei geht. Als ich das ungläubige Gesicht meines Mannes vor mir sah, als ich ihm erklärte, warum ich so kalt im Bett war.

Weißt du noch, wie ich dich angefaucht habe, als du mit meiner etwa 8 jährigen Tochter Mittagsschlaf halten wolltest und ich es dir vor der ganzen Familie am Mittagstisch verbot. Kannst du dich da noch an das erschrockene und erstaunte Gesicht meiner Mutter erinnern. Ich habe es noch genau vor Augen.

Mutter weiß es seit etwa 5 Jahren. Sie wollte es erst nicht glauben oder es einfach nicht wahrhaben. Sie fragt mich bis heute, warum ich damals nichts gesagt habe, ich war doch schlie�lich alt genug. Sie sagt, wenn sie davon gewusst hätte, dann hätte sie nicht weiter an ihrer ungläcklichen Ehe festgehalten. Ha, das Wort Inzest existierte damals nicht einmal in meinem Wortschatz. Es war ein Tabuthema.

Weißt du was für mich immer noch das Gefühl von Missbrauch wachhält?

Dass Mutter sich nicht von dir trennt, weil du ja so alt und unselbstständig, nicht allein lebensfähig bist. Und dass du keine Ahnung hast, dass sie es weiß. Sie spricht nicht mit dir darüber, ignoriert die Tatsachen. Es ist ja so lange her. Für mich ist das wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht.

Weißt du, was meine kleine Schwester zu mir sagt?

"Mach doch nicht so einen Aufstand, vergiss endlich mal. Man kann es auch übertreiben. Hab dich nicht so"

Schön, dass alle so zu dir halten.

Weißt du wie oft ich über meinen Tod nachgedacht habe? Viel zu oft. Weißt du wie oft ich versucht habe mich zu töten. Nur ein Mal.....Ich habe immer gedacht, das kann ich euch nicht antun. Mein Leben war mir Scheißegal, aber was wäre aus Mutter und Schwester geworden? Du warst mir egal, ich hätte dich zu gern tot gesehen.

Oh glaub mir, ich werde nicht mehr zulassen, dass du mein Herz vergiftest. Du erhebst dich zum Moralapostel, willst mir mein Leben vorschreiben und hast doch selbst soviel Dreck am Stecken, dass der Müllberg bis in den Himmel reicht.

Du fragst dich, warum ich mich von meinem Mann getrennt habe. Ich habe es gerade erst vollständig begriffen. Er war in meinen Augen dein Ebenbild und immer wenn ich mit ihm zusammen war und er mich anfasste, habe ich dich vor mir gesehen, sein Atem roch nach dir, seine Stimme klang nach deiner, seine Haut fühlte sich wie deine an. Ich war ohnmächtig in seiner Nähe.

Und endlich nach 20 langen Jahren wage ich es, mich von ihm und damit auch von dir zu trennen.

Mein Leben beginnt neu. Ich bin frei!!!

 


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