Ginnys Geschichte

Meine Geschichte beginnt kurz nach meinem 14. Geburtstag.

Ich ging in die 8. Klasse und war ein schüchternes, dünnes, blondes Mädchen. Meine kleine Schwester; 3 Jahre jünger als ich, hatte mehr Selbstbewusstsein als ich. Sie wurde zu Hause verwöhnt, war für jede Hausarbeit noch zu klein, obwohl ich diese in ihrem Alter längst bewältigte. Wenn etwas von ihr verlangt wurde musste sie nur ein paar Tränen vergießen und schon wurde die große Schwester beauftragt, es zu erledigen.

Weigerte ich mich mal oder widersprach, dann gab es Schlage, gern mit dem Teppichklopfer. Es wurde auch schon mal der Pantoffel genommen oder auch eine Weihnachtsrute. Ich war trotz meiner Schüchternheit ein eher aufmüpfiges Kind, das man züchtigen musste. Ich stahl meinen Eltern Geld aus dem Portmonee und Schokolade aus dem Schrank. Ich log, dass sich die Balken bogen und fälschte Unterschriften, wenn es Einträge ins Hausaufgabenheft oder eine schlechte Note gab.

Meine Mutter war mit meinen Leistungen in der Schule nie zufrieden. Brachte ich eine 2, was für meine Faulheit schon eine gute Note war, dann sagte sie immer: "Wenn du dich mehr angestrengt hättest, wäre es eine 1 geworden" Nie war sie stolz auf mich oder lobte mich mal, sie konnte alles nur noch schlechter machen. Ich habe mich nicht geliebt gefühlt und war wohl deshalb so rebellisch.

Mein Vater fing plötzlich an, mir an meinen Busen zu fassen um, wie er es ausdrückte, festzustellen ob da schon was wächst. Nein es wuchs vorläufig nichts, aber er machte es sich zur Gewohnheit. Auch vor den Augen seiner Kumpels konnte er es nicht lassen. Dazu kamen Sprüche wie "Seht mal, Schneewittchen, kein Arsch und kein Tittchen".

Eines Morgens, ich hatte wohl Schulfrei oder war krank, kam mein Vater zu mir ins Zimmer und brachte so komische Fotos mit. Sie waren in schwarz-weiß gehalten und zeigten nackte Frauen mit Männern in eindeutigen Stellungen. Ich wunderte mich, warum er mir sowas zeigte, ich fand es nicht normal, dass ein Vater seiner Tochter solche Bilder zeigt. Aber ich schaute sie mir an. Ich muss sagen, dass sie bei mir sogar eine Regung ausgelöst haben, die mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war. Es kribbelte in meinem Bauch und weiter unten ebenfalls.

Aber es machte mir vor allem Angst. Denn mein Vater schaute mich so komisch dabei an und kam ganz dich an mich heran. Ich wollte nur noch, dass er geht.

Doch es kam noch schlimmer.

Bei jeder Gelegenheit, immer wenn er und ich allein im Haus waren, hat er sich an mich heran gemacht. Eines Tages kam er ins Zimmer als ich noch im Bett lag. Er war nackt und legte sich zu mir. Ich tat so, als schliefe ich noch fest. Aber mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich bekam Schweißausbrüche und mein Atem sezte fast aus. Panik erfasste mich. Ich wusste nicht was ich tun sollte.

Er berührte mich, fasste mir unter meinen Schlafanzug an die Brust. Er steckte seine Hand in meine Hose und drückte sich dabei ganz eng an mich. Dabei spürte ich sein erigiertes Glied. Er keuchte und atmete schwer, nannte immer wieder meinen Namen und blies mir seinen Atem in den Nacken.

Er versicherte mir, dass mir nichts passieren würde und ich tat noch immer so als schliefe ich. Ich wollte meinen Körper verlassen und ganz weit weg sein.

Nachdem er mich überall berührt hatte stand er irgendwann auf und sagte, dies müsse unser kleines Geheimnis bleiben. Ich wüsste ja, dass ich die Familie zerstöre, würde ich je jemandem davon erzählen.

Ich erzählte es niemandem, viel zu sehr schämte ich mich dafür. Ich redete mir ein, selbst schuld zu sein, ich empfand ja etwas dabei, nicht nur Angst sondern auch dieses komische Kribbeln, ja sexuelle Erregung. Es verwirrte mich total, ich konnte nicht mehr klar denken.

Ich träumte davon, wie es ist, mit meinem Vater zu schlafen, wie es ist, wenn er es nicht mehr bei Berührungen belässt sondern irgendwann die Kontrolle verliert und es tut. Dann hätte ich vielleicht keine so lähmende Angst mehr davor. Wenn ich wüüsste wie es ist, muss ich mich davor nicht mehr fürchten.

Einmal wäre es beihnahe passiert, er zeigte mir eine neue Stellung, ja er nannte es Sexualerziehung um für die Ehe gerüstet zu sein. Dabei verlor er beinah die Kontrolle, er wollte in mich eindringen. Er drückte meine Beine auseinander, er war so stark, ich hatte kaum ein Chance mich ihm zu entziehen. Er hielt meine Beine und drückte sich fest an mich. Er stieß sein Glied gegen mich. In mir schrie alles auf. Obwohl ich fast gelähmt war vor Angst und Abscheu wehrte ich mich plötzlich. Ich schrie ihn an, ich bekam ein Bein frei und trat ihn damit in den Bauch. "Lass mich in Ruhe du Schwein".

Da trat eine Veränderung in ihn. Er ließ ab von mir, brach in Tränen aus und nahm mir das Versprechen ab, mit niemandem darüber zu reden.

Dennoch kam er in den nächsten 2 Jahren noch häufiger zu mir, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Meine Mutter ahnte nichts, auch nicht, dass sich ihre älteste Tochter so unter Druck gesetzt fühlte, dass sie beschloß, ihr Leben zu beenden.

Ich sah keinen Sinn mehr darin, so weiter zu machen. Was sollte ich nur tun. Ich fühlte mich so elend, so alleingelassen auf der Welt. Mit meiner Mutter hätte ich niemals reden können. Hätte sie mir denn geglaubt? Das Thema "Inzest", das Wort "Missbrauch" gab es in der DDR nicht, damals wurde nicht so offen darüber gesprochen wie es heute der Fall ist. Heute werden die Kinder auf solche Dinge vorbereitet, sie wissen, dass es verboten ist, es gibt Hilfsangebote für Betroffene. Zu meiner Zeit gab es diese Hilfe nicht.

Einmal habe ich mich einer Freundin anvertraut, ihr erzählt, dass mein Vater oft zu mir ins Bett kommt und mich an Stellen berührt, die mir unangenehm sind. Ihr Kommentar dazu: "Toll hast du es, sowas macht mein Vater nicht". Ich schaute sie ungäubig an, aber ja, sie hatte es genau so gemeint.

 

Ich war in der Klemme. Wie sollte ich mich umbringen. Mir erschien Gas eine sichere Methode zu sein. Doch ich wollte niemanden gefährden.

Dann überlegte ich, ob ich mir die Pulsadern aufschneiden sollte, aber mehr als mich ein wenig zu ritzen, brachte ich nicht fertig.

Von einem Hochhaus zu springen, habe ich mich schlicht nicht getraut.

Ich nahm stattdessen Quecksilber. Jeder sagte damals, dass es hochgiftig sei, also müsste es doch tödlich sein. Damals waren Fiberthermometer noch damit gefüllt. Ich zerbrach also eines und nahm die silbrige Kugel ein.

Doch es passierte erst mal nichts, rein gar nichts. Ich hatte schreckliche Angst, nur so ist wohl zu erklären, dass ich mir einbildete mir sei schwindlig und übel. Meine Mutter kam irgendwann nach Hause und es war wieder alles wie immer. Meine Enttäuschung war grenzenlos. Ich wollte es allen zeigen, wollte somit auf meine Situation aufmerksam machen.

Irgendwie war mir mein Leben wohl zu teuer.

Ich lebte weiter, absolvierte meine Fachschulreife und begann eine Ausbildung.

Mit siebzehn lernte ich Paul kennen. Er interessierte sich für mich. Wir gingen öfter mal aus und trafen uns an den Wochenenden. Mein Vater war schrecklich eifersüchtig und verbot mir lange Tanzabende, bis ich Mitglied in einem Jugendclub wurde und somit eine "gesellschaftliche Verpflichtung" hatte. Dagegen konnte er als Genosse ja nichts sagen.

Mein Vater wandte sich urplötzlich von mir ab. Ich hatte ja nun den Mann, auf den er mich drei Jahre vorbereitet hat.

Paul habe ich nie geliebt, aber er war die Person, die mich gerettet hat, unbewusst. Er hatte keine Ahnung, was mir passiert war und er sollte es auch nicht so schnell erfahren.

Was hat mein Vater nun getan? Wer gab ihm jetzt das, was er brauchte?

Mensch, war ich naiv, zu glauben, dass es vorbei ist. Für mich war es vorbei, aber.... Ich habe erst Jahre später erfahren, dass meine Schwester sein neues Opfer war. Wenn ich das doch nur geahnt hätte. Ja, was hätte ich dann getan? Ihn angezeigt? Diese Option bestand in meinen Gedanken gar nicht. Meine Mutter alarmiert? Mit ihr konnte ich nicht reden. Ihn zur Rede gestellt? Ja, genau das hätte ich getan, ich hätte notfalls Gewalt angewendet, ihn auch getötet.

Doch ich habe von dem Tag, an dem er mich nicht mehr belästigte, dieses Kapitel aus meinem Gedächtnis gestrichen, es nicht mehr an mich herangelassen. Ich wollte ein ausgelichenes, einfaches, siebzehnjähriges Mädchen sein, das tanzen geht und lustig ist, eben wie alle meine Freundinnen. Und ich war froh, das Dunkle aus meiner Vergangenheit in mir vergraben zu können und nicht mehr daran denken zu müssen. Ich konnte endlich glücklich sein.

So dachte ich. Auch hier: Wie naiv von mir gedacht.

20 Jahre später brach meine Welt zusammen....

 

Aufarbeitung

 

Meine älteste Tochter ist ebenfalls 14 Jahre alt, als ich es einfach nicht mehr aushalte. Alles in mir wehrt sich gegen das Leben, das ich bis hierher führe. Ich bilde mir ein, eine ganz normale Frau zu sein, eine normale Familie zu haben, mit Kindern, Eltern, Ehemann, Geschwistern und Großeltern für die Kinder, die sie gern haben und die wir regelmässig besuchen.

Mein Vater ist immer noch ein perverses Schwein, er macht anzügliche Bemerkungen. Ich ignoriere es, lasse es gar nicht zu mir durch. Solange sich diese Bemerkungen, Blicke und Berührungen nur auf mich beziehen.

Doch ich sehe meine Kinder aufwachsen und merke immer mehr und mehr, das kann nicht so weitergehen. Irgendwann muss ich mich meiner Angst, meiner Verantwortung stellen.

Gut, dass es meine Töchter gibt, gut dass ich den Mut hatte. Nur so konnte ein Heilungsprozess einsetzen, der einer Verwüstung gleichkam. Ein Orkan brach los, in mir und um mich herum. Alles änderte sich für mich. Ich bekam Depressionen, nahm 12 kilo innerhalb weniger Wochen ab, glaubte mich in einen 18 jährigen verliebt zu haben, nur weil ich mich nett mit ihm unterhielt.

Ich beschäftigte mich plötzlich mit meinen Gefühlen, setzte mich mit mir auseinander. Ich dachte viel nach, sprach viel mit meiner Schwester. Wir erzählten unseren Männern endlich vom Missbrauch. Sie konnten oder wollten es nicht glauben, sie hielten zu ihrem Schwiegervater, der doch so ein patenter Kerl war, so nett zu allen Nachbarn, hilfsbereit und handwerklich.

Die ungläubigen Gesichter unserer Männer zu sehen war wie ein weiterer Missbrauch. Ich war am Boden zerstört, konnte keine Nacht mehr mit meinem Mann verbringen, wir schliefen nur noch getrennt. Sex gab es eh nur 1-2 mal im Jahr, es war für mich nur Pflichterfüllung, so wie es mir mein Vater beibrachte.

Ich fing nun an zu schreiben, las Fachliteratur, besuchte Selbsthilfeseiten im Internet, unterhielt mich mit anderen überlebenden.

Meine Kinder waren also 14 und 11 Jahre alt, da zeigte ich ihnen eine erste Fassung meiner Geschichte, eigentlich mehr ein Brief an meinen Vater.

Meine Große reagierte mit Wut, die Kleine mit Betroffenheit. Sie umarmte mich. Es tat mir leid, sie mit diesen schrecklichen Dingen konfrontieren zu müssen, doch ich konnte ja nicht ganz verhindern, dass sie in die Nähe meines Vaters kommen, noch nicht.

Ich brachte es noch immer nicht fertig, mit ihm oder auch nur mit meiner Mutter zu sprechen. Irgendwann ist meiner Schwester im Gespräch mit ihr dann doch herausgerutscht, was ich nicht schaffte. Sie erzählte ihr, dass ihr Mann uns als Jugendliche sexuell missbraucht hat, dass wir nie mit ihr darüber reden konnten.

Meine Mutter hat dann doch ganz anders reagiert, als ich es je geglaubt hätte. Ich habe mir immer vorgestellt, sollte sie es erfahren, dann würde sie ihn rauswerfen oder selbst ausziehen. Aber dass sie nach dieser Eröffnung mit ihm seelenruhig in den Urlaub fliegt- es war ja alles geplant und gebucht- das habe ich am wenigsten erwartet.

Dies war ein weiterer Missbrauch.

Zwei Wochen nach dem Urlaub habe ich ein erstes Gespräch mit meiner Mutter geführt. Erschreckend daran war für mich, dass ich mir fürchterliche Gedanken ihretwegen und mir Vorwürfe machte. Dann kam das was mich noch heute beschäftigt, mehr als der Missbrauch selbst. Sie sprach von Eifersucht, von Vertrauensbruch, von Ehebruch, Betrug und meinte mich damit. Ich habe ihr den Mann genommen. Er befriedigte sich an mir, an meiner Schwester, nicht an seiner Frau.

Sie hat diese Aussage später zurückgenommen aber ich werde die Worte nie vergessen, sie sind mir eingebrannt.

In meiner kurzen Therapie, ging es dann auch meist um meine Mutter, unser heutiges und damaliges Verhältnis.

Es kam ein Jahr nach dem Gespräch mit meiner Mutter zu einem Rundumschlag meinerseits. Ich änderte mein Leben schlagartig, bis hierhin hatte ich viel gelesen und mich mit vielen Menschen unterhalten, denen es ähnlich ging. Ich habe in der Zeit viele Freunde gewonnen.

Ich zog aus der ehelichen Wohnung aus, nahm die Kinder und suchte mir eine kleine Altbauwohnung. Meine Eltern besuchte ich gar nicht mehr, mit meiner Mutter und meiner Schwester telefonierte ich häufiger, meine Mutter machte mir schwere Vorwürfe bezüglich meiner Trennung. Mein Vater hatte immer noch keine Ahnung, dass meine Mutter von dem Missbrauch wusste, nicht einmal, dass meine Schwester und ich es voneinander wussten, noch dass wir uns damit auseinandersetzten.

Er hatte keine Ahnung, warum ich nicht mehr zu Besuch kam. Vielleicht hatte er eine Ahnung, ließ diese aber nicht zu nahe an sich heran, denn dann hätte er sich ja den Missbrauch eingestehen müssen und dieser hat, wie ich später durch ihn erfuhr, nie stattgefunden.

Nach der Trennung von meinem Mann war mir, als hätte ich dicke Stahlketten abgeworfen, ich fühlte mich unendlich befreit. Jetzt endlich konnte ich mich so geben wie ich war. Meine ganze Neugier auf das Leben, die Liebe, Sexualität konnte ich jetzt stillen.

Es hört sich vielleicht unglaubwürdig an, aber ich wollte meinen Körper und meine Lust entdecken, und das tat ich.

Ein paar Wochen nach den Auszug lernte in einem Club einen jungen Mann kennen, er gefiel mir und ich ihm. Allerdings hat er sich, was mein Alter betraf, um viele Jahre verschätzt. Der Altersunterschied war einfach zu groß. Verliebt war ich nicht, dazu kannte ich ihn ja zu wenig, eigentlich gar nicht. Da wir aber beide wussten, dass es nichts Ernstes zwischen uns werden könnte, wir aber dennoch Lust aufeinander hatten, gab ich mich dem Augenblick hin. Ich war 37 Jahre alt und hatte vorher nie Spaß am Sex. In dieser Nacht- oder sollte ich eher an diesem Morgen sagen- lernte ich, körperliche Nähe, Zärtlichkeit, Liebkosungen und Leidenschaft zu genießen, sie auszukosten. Es war wundervoll.

Ich habe ihn nie wieder gesehen. Obwohl wir noch längere Zeit in Kontakt standen. Bereut habe ich es nicht, im Gegenteil. Es war genau das, was in meiner Situation wichtig war. Und ich bin dadurch ein großes Stück geheilt. Endlich konnte ich es zulassen, dass mich ein Mann berührt ohne Ekel und Abscheu zu empfinden, und das ist nur gelungen, weil dieser Mann ein mir Unbekannter war. Dadurch konnte ich mich fallen lassen, mich ganz ungezwungen geben. Mit meinem Mann hätte es diese Wandlung nie gegeben, niemals hätte ich mich überwinden können, ihm meine Wünsche und Träume zu mitzuteilen. Ich denke gern und oft an dieses Erlebnis zurück. Es war gut, weil niemand verletzt wurde und beide einverstanden waren, weil es keine Verpflichtungen gab und sich beide gut danach fühlten.

 

Von nun an war ich ein neuer Mensch. Ich ging offen auf die Männerwelt zu. Doch nun suchte ich nicht mehr nach dem schnellen Glück. Ich wollte mich verlieben und mit einem netten Partner glücklich werden. Zweimal dachte ich, an den richtigen geraten zu sein, doch schnell hat sich die anbahnende Beziehung zerschlagen. Zwei Enttäuschungen innerhalb kurzer Zeit, doch auch das gehörte zu meiner Entwicklung und zu meiner Heilung dazu. Alles was Frauen in der Jugend lernen, musste ich jetzt nachholen. Also auch die Trauer nach einer schmerzvollen Trennung.

Dann endlich lernte ich einen Mann im Internet kennen. Er war allerdings 13 Jahre jünger als ich, ich zog irgendwie die Jugend an, vielleicht, weil ich nicht meinem Alter entsprechend aussehe und immer noch eine beinah kindliche Erscheinung bin.

Ich war so glücklich mit ihm, war derart verliebt, dass ich mir vorstellen konnte, mein Leben mit ihm zu verbringen. Wir zogen schnell zusammen. Meine Kinder akzeptierten ihn als großen Bruder, Kumpel, Freund...nur nicht als Vater. Aber als meinen Lebensgefährten.

Wir waren fast 20 Monate glücklich miteinander. Bis ich seine Betrügereien aufdeckte, er belog mich und hetzte mir beinah die Gerichtsvollzieher auf den Hals. Zu guter Letzt entdeckte ich auf unserem PC Fotos von Kindern. Widerliche Fotos. Und das, obwohl er meine Geschichte kannte und so verständnisvoll damit umging. Ich bin ja sehr tolerant, aber hier war das Maß voll. Ich warf ihn raus, ließ ihn keinen Tag länger in die Nähe meiner Kinder.

Ich war so wütend auf ihn und auf mich. Wie konnte ich nur so blind, so naiv sein?

Kurze Zeit später lernte ich einen Mann kennen, der 11 Jahre älter war als ich. Nun glaubte ich wieder, die große Liebe gefunden zu haben. Es dauerte nur 16 Monate, bis ich erkannte, dass wir nicht zusammenpassen. Dafür gab es viele Gründe, die ich hier nicht im Einzelnen erläutern möchte.

Der 13 Jahre jüngere Mann hat allerdings eines bewirkt. Ich habe endlich einen Termin bei einer Therapeutin besorgt. Es dauerte 3 Monate bis ich mein erstes Gespräch hatte.

Sie saß mir gegenüber und fragte mich, was mich zu ihr führt. Meine Anwort war klar und deutlich. "Ich wurde als 14 jährige von meinem Vater missbraucht. Mir geht es jetzt gut, aber ich habe noch einen langen Weg vor mir. Sie können mir dabei helfen" Sie sah mich erstaunt an, wohl auch, weil ich so offen das Thema auf den Tisch legte und nicht lange nach Worten suchen musste. Ich konnte frei über meine Kindheit, Jugend, meine Mutter und meinen Vater reden. Sie kitzelte viele Informationen mit gezielten Fragen heraus. Wir haben schnell eine gemeinsame Basis gefunden.

Wir haben nicht sehr viele Stunden zusammen gearbeitet. Mir hat das Schreiben am meisten geholfen aber auch das viele Reden. Meine Freunde hielten zu mir, waren betroffen aber auch erfreut, welche positive Entwicklung ich genommen hab. Das Buch "Trotz allem" hat mir ebenfalls geholfen, hier gab es für mich viele Anregungen zum Schreiben.

Die Therapie wurde nicht mehr notwenig, weil ich mich seit Jahren schon selbst therapiert habe und die Gespräche mit der Therapeutin sehr vieles am Verhältnis zu meiner Mutter geklärt haben.

Ich weiß, dass ich es nie ganz überwinden werde, aber ich bin ein glücklicher, mit mir zufriedener Mensch. Meine Welt ist wieder in Ordnung, ich freue mich am Leben, ich verliebe mich gern, habe gern Freunde um mich, gehe tanzen, treibe Sport, liebe meine kleine Familie und meinen Job. Ich lese und schreibe immer noch sehr gern.

 

Doch es gibt Momente, in denen alles über mich hereinbricht. Zum Glück sind diese sehr selten. Ich verdrücke mich dann einfach mit einem guten Buch in mein Bett oder lege Salsa auf und tanze wie verrückt durch die Wohnung.

 

Meine Schwester hat nie erkannt, dass mein Vater an ihr ein Verbrechen beging. Sie hat weiter normalen Kontakt zu ihm, auch ihre Kinder, eine Tochter und zwei Söhne.

 

Meine Mutter will nicht verstehen, dass ihr Mann immer noch ein potenzieller Schänder ist und dass es niemals aufhört.

Das ist Übrigens etwas, wovor ich Angst habe. Dass er doch eines Tages wieder zum Täter wird und ich es nicht verhindern kann. Für eine Anzeige ist es zu spät.

 

Es gab eine Aussprache zwischen ihm und mir. Ein Onkel, den ich ins Vertrauen zog, hat ihn zur Rede gestellt. Danach rief mich mein aufgelöster, heulender Vater an und sagte mir, er könne nicht verstehen, wie ich sowas sagen kann. Er hat ja nie etwas getan, sondern nur ein wenig mit uns gekuschelt. Mehr sei doch nicht passiert.

Ich schrie ihn an, ob ihm nicht klar sei, dass er ein Verbrecher ist, ob ihm nicht bewusst sei, dass er krank ist und Hilfe braucht. ER solle sich endlich mal klar machen, dass er beinah Schuld am Tod seiner Tochter geworden wäre. Dass er sich glücklich schätzen kann, dass ich zwanzig Jahre im Tiefschlaf verbracht habe und ich ihn nicht mehr anzeigen kann. Es war kein Ausrutscher, insgesamt dauerte der Missbrauch an uns sieben Jahre. Und es geht weiter, weil er nicht bestraft wird. Er soll mich in Ruhe lassen.

Er soll mich nie mehr anrufen. Höre ich seine Stimme, stockt mir das Herz, ich kann und will ihn nicht ertragen. Es tut mir gut, wenn ich mein Elternhaus nicht mehr betrete, solange mein Vater lebt.

Es tut mir gut, wütend und zornig auf ihn sein zu können. Es tut mir gut, ihn ignorieren zu können. Es tut mir gut, mir meiner Gefühle bewusst zu sein.

 

Meine Mutter sehe ich einmal im Jahr, meist an meinem Geburtstag.

Ich bin jetzt 41 Jahre alt und eine gesunde, ausgeglichene, selbstbewusste Frau.

 

02.01.2006


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